Suche Menü

Buch Eiland

 

Die allerdollste Literatur für die einsame Insel finden Sie natürlich bei UNS!

 

„Die nächsten Wochen verbringe ich auf einer einsamen Insel.
Kannst du mir drei Bücher gegen Langeweile empfehlen?“

Wüssten Sie ´auf die Schnelle` eine Antwort? Wir auch nicht.

kreativbuero-berlin findet die Frage interessant genug, einmal darüber nachdenken zu lassen. Wir haben in unserem kreativen Berliner Freundes- und Bekanntenkreis genau diese Frage gestellt: „Was ist gut?“
Die Antworten möchten wir Ihnen in der kommenden Zeit vorstellen. Nein, keine Buchbesprechungen von kompetenten Rezensionisten,
die gibt es im Netz in ausreichender Zahl. Einfach Buchtipps von Leuten, die sehr gerne lesen. Zum Beispiel ´Vielleser` – Menschen, die in der U-Bahn das Aussteigen vergessen, weil es gerade so spannend ist.
Oder ´Verschlinger`, die es in ihrer karg bemessenen Freizeit nur selten schaffen ein Buch in der Nacht durchzulesen und trotzdem begeistert sind. Wie auch unsere ´Literatur-Gourmets`, die in Ruhe die Zeilen genießen wie einen guten Wein. Aus diesem ´erlesenen` Kreis hier Bücher, die sich lohnen – subjektiv beurteilt und empfohlen!
Demnächst spendieren wir hier weitere Tips –

Eiland vom 06.01.16
Eiland vom 11.12.15
Eiland vom 31.08.15
Eiland vom 09.05.15
Eiland vom 25.03.15
Eiland vom 10.03.15

 

kreativbuero-berlin packt am 06.01.16 in den Koffer:

Monte Merrick: Bitte nicht lesen! Oder: Der aufregendste Sommer im Leben des Nelson Jaqua

 

– Vorab: Ich weiß ja nicht, ob man dieses „alte“ Buch noch normal über den Handel beziehen kann. Wenn nicht: z.B. einfach mal bei zvab.com suchen – oder in Berlin mal in einer der vielen umgebauten Telefonzellen stöbern -wo man kostenlos Bücher mitnehmen oder / und auch reinstellen kann. Das scheint zu funktionieren: Manche dieser Häuschen quellen schon über vor Büchern; der Vandalismus hat sie anscheinend glücklicherweise noch nicht als Ziel entdeckt…

„Bitte nicht lesen!“ ? Doch, unbedingt! – Aber warum dann dieser Titel? Weil der Autor Merrick seine Romanfigur Nelson Jaqua – einen Dreizehnjährigen Schüler aus einer US-amerikanischen Kleinstadt – selbst zum Autoren dieses Romans werden lässt, der aber eben nicht will, dass sein Werk gelesen wird. Somit ist dieses Buch also ein Roman im Roman, aber weil Nelson nicht recht weiß, wie er den schreiben soll, soll ihn auch sonst niemand lesen. Hinzu kommt, dass Nelson seine sehr persönlichen und intimen Erlebnisse schildert und vielleicht doch lieber für sich behalten will. Rat- was das Schreiben betrifft – findet er bei seinem Englischlehrer, der ihn zum Weiterschreiben ermuntert.
Nelson beginnt immer wieder mit dem Schreiben; somit hat das Buch mehrere erste Kapitel.
Aber dann kommt die Story richtig in Fahrt: Schon der erste Satz: „Ich weiß nicht, was aus dem letzten Sommer geworden wäre, wenn Mr. und Mrs. Shook nicht ihren behinderten Sohn umgebracht und und im Keller eingemauert hätten“ lässt ja sehr auf Spannung schließen -und die wird auch geboten. Nelson und seine Freunde Tim und Catherine, genannt Cat, versuchen den Mord aufzuklären. Das ist natürlich nicht so einfach, weil es keine Beweise und keine Leiche gibt -allerdings wurden die Shooks rätselhafterweise lange nicht mehr mit ihrem Sohn in der Öffentlichkeit gesehen.
Die drei Freunde beobachten das Ehepaar nun heimlich – doch diverse Ereignisse kommen dem Vorhaben dazwischen: Tim und Cat scheinen was miteinander zu haben, was Nelson gar nicht fassen kann. Er ist außerdem schwer frustriert, weil er immer auf seine kleine Schwester aufpassen muss, die dabei einmal fast überfahren wird. Seine Eltern wollen sich scheiden lassen, er selbst fühlt sich todkrank…
Er durchläuft ein ständiges Auf und Ab von Erlebnissen, Gefühlen und Gedanken.
Mehr kann ich jetzt gar nicht verraten, weil ich das Buch noch gar nicht zu Ende gelesen habe. Ist der Mord nun wirklich geschehen? Kommen die Freunde überhaupt noch dazu vor lauter anderen Katastrophen sich als Detektive zu betätigen? Oder ist sowieso alles nur Nelsons Phantasie entsprunen? Wer aber nun glaubt, das klinge mehr nach TKKG und anderen Kinderkrimis, irrt sich: Für allzu zart besaitete Mitmenschen ist das Buch eher nicht geschrieben, da geht’s verbal doch auch ganz schön drastisch zur Sache. Trotzdem ist es auch herzerfrischend lustig; z.B. wenn Nelsons Gedanken sich mal wieder als etwas daneben erweisen. Aber hallo: Würden wir an seiner Stelle nicht meistens auch so denken? Merrick beschreibt seinen (Anti-)Helden so einfühlsam, das man sich einfach mit ihm identifiziern muss.
Bitte lesen!

Bitte nicht lesen! Oder: Der aufregendste Sommer im Leben des Nelson Jaqua von Monte Merrick
Knaur, Neuausgabe Juni 1994
ISBN: 3-426-60056-0

 

 

kreativbuero-berlin packt am 11.12.15 in den Koffer:

Noch ganz schnell die letzte Rezension des Jahres:

 

Im Schatten des Vulkans, Forrest DeVoe

Zugegeben: Agenten-Thriller sind nicht gerade mein Spezialgebiet.
Natürlich ist mir der im Fernsehen allgegenwärtige James Bond nicht entgangen.
Doch zunächst war ich erstaunt, als mir das Buch in die Hände fiel: Dass sich ein Autor von heute zurück in die Sixties aufmacht, ein Agentenpaar samt Bösewicht-Gegner erdenkt – ich hatte Bedenken. Das Ziel des Psychopaten ist nichts Geringeres als die Welt zu erpressen und gegebenenfalls zu vernichten – bei Bond sind wir es gewöhnt, aber in einem neuen Buch?
Auch der Einband verstärkte zunächst meine Skepsis: eine Lady in Rot, mit langen Beinen und gezücktem Colt – die Filmmusik der 007-Reihe klingt dem Betrachter in den Ohren.
Aller Bedenken zum Trotz:
Schon bald verfolgte ich atemlos wie Jack Mallory und Laura Morse von ihrem Big Boss Gray
ihre neue Aufgabe zugewiesen bekommen. Nach dem Mord an einem holländischen Spion in Istanbul sollen die beiden ermitteln, was hinter der Ermordung steckt.
Wer dahinter steckt ist schon bald klar: Rauth, reicher Irrer mit Weltherrschaftsvisionen der besonderen Art: von der Insel He’Konau aus will er Erdbeben-Schwärme in alle Kontinente aussenden können. Damit erreicht er „…. aus eigenen Willen das zu schaffen, was die Versicherungen einen Akt Gottes nennen“ – er würde sich dadurch unangreifbar machen.
Der Leser begleitet das Agentenpärchen in unterhaltsamer Weise auf ihrer Reise nach He’Konau.
Jack, Junggeselle aus Leidenschaft mit einem Hang zu schnellen Liebesabenteuern, arbeitet gerne mit seiner Partnerin Laura, die – obwohl von zartem Körperbau – alle Kampfsportarten beherrscht. Zusammen werden beide zu harten Gegnern, mehr als ein Störenfried muss auf dem Weg zu ihrem Ziel dran glauben. Nur der Leser weiß von den Gefühlen, die Laura heimlich für ihren Partner empfindet; Arbeit geht vor und lässt keine persönliche Bindung zu.
Obwohl es in der Zusammenfassung kitschig und unglaubwürdig klingen mag: hier ist durchaus Unterhaltungspotential gegeben. Mag der Roman auch in den 60ern spielen und die Spionage- thematik etwas antiquiert klingen: Der Stil des Romans ist erfrischend modern und so habe ich ihn nach 413 Seiten nach guter Unterhaltung, spannenden und komischen Momenten aus der Hand gelegt.
James Bond lebt und – so viel sei verraten – das Gute siegt, der Böse muss dran glauben …

 

Im Schatten des Vulkans von Forrest DeVoe
Heyne-Verlag
ISBN 3-453-59006-6
erschienen September 2005, 413 Seiten

 

 

kreativbuero-berlin packt am 31.08.15 in den Koffer:

Ende August – die Ferien sind fast vorbei.
Die Zeit zum Lesen auch?
Nein – windig-kühler Herbst mit dunklen Abenden sowie eisiger Winter mit trist-trüben Nachmittagen stehen vor der Tür.
Jede Menge Zeit also zum Lesen.
Sigrid C. aus Berlin hat für uns von Hanns-Josef Ortheil
„Das Kind, das nicht fragte“ gelesen (vielen Dank!),
Frau V. wartet mit zwei weiteren Buchtipps auf.

1. Hanns-Josef Ortheil, „Das Kind, das nicht fragte“

In diesem Buch geht es um einen Ethnologen, der auf Forschungsreise geht. Sein Forschungsobjekt: ein Dorf auf Sizilien, in dem seit vielen Jahren die in Italien berühmten dolci (Süßigkeiten) hergestellt werden. Hier will er Ursprung und weiteren Verlauf dieser sehr alten Tradition ergründen. Der Protagonist ist ein äußerst eigenbrötlerischer Mensch. Seine zum Teil kuriosen Charakterzüge erklären sich jedoch nicht nur durch das wissenschaftliche Arbeiten, sondern vor allem durch seine spezielle Familiengeschichte. In ihm schlummert das Kind, das nicht fragte! Aufgewachsen in einer Familie, die durchaus im Bildungsbürgertum beheimatet, jedoch weniger durch Herzenswärme seitens der Eltern geprägt war. Dominiert wurde alles durch vier wesentlich ältere Brüder, deren besonderes ‚Vergnügen‘ darin bestand das Nesthäkchen mehr oder weniger zu quälen, so geschickt allerdings, dass dies den Eltern größtenteils verborgen blieb. Einzige Rettung des malträtierten kleinen Burschens war der Rückzug in die innere Immigration – und das Schreiben. Das für andere Kinder oftmals verhasste Schreiben ist für ihn ‚the way out‘. Im direkten Kontakt gibt er, bis auf die äußeren Eckdaten ( „Ich heiße…“, „Ich spiele Fußball …“ „Ich habe vier Brüder …“) nichts von sich preis.
Bei seiner Berufswahl spielt daher seine Haltung, die ihm zur zweiten Natur geworden und von permanenter Deckung geprägt ist, eine entscheidende Rolle: Er beschließt, Ethnologe zu werden, weil er in diesem Berufsfeld die Fragen stellt. Darin entwickelt er unnachahmliche Fähigkeiten und eine gewisse Meisterschaft. Seine Fragetechniken hat er so verfeinert, dass sein Gegenüber eine erstaunliche Offenheit an den Tag legt und Dinge verrät, wie er es zu Beginn der Befragung niemals hatte sagen wollen. In dem kleinen sizilianischen Dorf geht unser Protagonist äußerst geschickt vor. Zwar weiß er, dass er als Fremder zunächst skeptisch beäugt wird, doch nutzt er die Offenheit, die ihm der ansässige Antiquariatsbesitzer und die Pensionsbesitzerin entgegen bringen. Beide sind im Dorf gut vernetzt, wissen um die zahlreichen, vermeintlich gut behüteten Geheimnisse. Nach und nach weicht die Skepsis einer großen Neugier: Plötzlich möchte jeder von ihm interviewt werden, nicht zuletzt um die Bedeutung des eigenen Ego hervorzuheben.Dorf- und Familiengeheimnisse stehen oft im Zusammenhang mit Neid, Habsucht und Affairen. So hat vor Jahren die Pensionsbesitzerin ihrer Schwester Paula den Mann ausgespannt. Aber anders als der Leser es erwarten würde, hat diese Begebenheit zwischen den beiden Schwestern nicht zu Zerwürfnis geführt. Im Gegenteil: Der Mann, Eigentümer des angesagtesten Restaurants im Dorf, hatte sich als Flop entpuppt und, auch dadurch, die beiden Frauen noch enger zusammen geschweißt. Zu zweit gelingt es ihnen, in diesem sizilianischen Dorf ein äußerst selbstbestimmtes Leben zu gestalten und auch die ein oder andere Liebesaffaire ohne Beschädigung zu überstehen.
Im Fazit: Ortheil beschreibt in seinem Buch die Vorgänge auf der Beziehungsebene zwischen den sehr unterschiedlichen Charakteren überaus anschaulich, teilweise raffiniert und mit feinem Humor. Es gelingt ihm, dieses sizilianische Dorf vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen – man möchte am liebsten dorthin reisen, vielleicht sogar Teil der Geschichte werden. Auch ist es spannend zu erleben, wie der Protagonist seine Forschungsaufgaben nicht nur für den wissenschaftlichen Zweck, sondern fast noch mehr für die Verarbeitung seines Kindheitstraumas nutzen kann (dies geschieht wie auf einer zweiten Ebene, die sich während des gesamtes Romans sozusagen an die Geschichte andockt). Leider nimmt der Verlauf der Erzählung im letzten Drittel eine – wie ich finde – ungute Wendung.
Denn: Es wird alles gut! Der Protagonist lernt schließlich die Schwester Paula kennen, sie verlieben sich und mit diesem Ereignis taucht die Geschichte in einem rosaroten Teich ein… Alles ist schön: die Frau natürlich, das Wetter, das geheimnisvolle Haus am Strand, Paulas Kochkünste (die schon bald erahnen lassen, dass es im Dorf demnächst ein neues Restaurant geben wird), der alte Kinosaal (den unser Hauptdarsteller denn auch als eben jenes Restaurant errichten läßt).
Der Hammer kam für mich am Schluss – als es dazu noch religiös wird. Gott wird gedankt für das gelungene Lenken des Schicksals.
Schade, schade, schade.
Stilistisch und von den Charakteren her ist das Buch wirklich lesenswert (und darum mein Buchtipp).
Durch ein scheinbar großes Harmoniebedürfnis des Autors verflacht die Geschichte am Ende. Wer allerdings ‚Happy Ends‘ mag und wen ein fast kindlich anmutender Glaube an Gott nicht stört, der wird dieses Buch auf der Lese-Insel als Bereicherung ansehen.

Sigrid C. Berlin Aug. 2015

Hanns-Josef Ortheil, „Das Kind, das nicht fragte“
Luchterhand Literaturverlag, München 2012
ISBN 9783630873022 (gebundene Ausgabe), 432 Seiten

 

2. Robert M. Eversz „Schnappschüsse“

Nina Zero, Anfang 30, wird endlich aus der Haft entlassen und weiß:
Der kalifornische Staat wird ein besonders aufmerksames Auge auf sie haben. Doch das beeinflusst sie in keiner Weise: Rebellisch und energiegeladen stürzt sie sich sofort in eine Scheinehe mit einem Mann, den sie nicht kennt.
Gabriel Burns, Papparazzi, braucht dringend eine Green-Card. Die beiden taumeln in eine Sexaffaire – doch bevor mehr daraus werden könnte (was fraglich ist, denn beide sind Egozentriker) findet man Gabriel ermordet auf. Die Jagd beginnt. Nina, inzwischen selber als Fotografin tätig, will wissen, wer ihren ‚Mann‘ auf dem Gewissen hat. Burns bleibt nicht der einzige Tote und auch Nina gerät in Gefahr. Das Buch ist unterhaltsam und spannend durch eine selbstbewusste, körperlich fitte Hauptdarstellerin, die sich niemals die Butter vom Brot nehmen lässt. Dennoch gelingt es Eversz die Protagonistin so vielschichtig zu beschreiben, dass der Leser hinter dem harten Kern auch Melancholie und Sehnsucht erkennen kann.
Vor allem das ist es, was das Buch lesenswert macht!

Frau V. Aug. 2015

Robert M. Eversz „Schnappschüsse“
ISBN-Nr. 3-453-19806-9 (gebundene Ausgabe) 2001
Wilhelm-Heyne-Verlag GmbH + Co KG, München

 

3. Khaled Hosseini, Traumsommer

Die kleine Pari und ihr größerer Bruder Abdullah wachsen in einem afghanischen Dorf auf, behütet vom Vater, der ihnen die Zeit mit Geschichten versüßt. Als Pari drei ist bricht die kleine Familie auf in die große Stadt: Die Kinder wissen nicht, dass am Ende der Reise die Trennung steht, denn Pari wird von einer wohlhabenden Familie aufgenommen. Für den zehnjährigen Abdullah ist der Schmerz nahezu unerträglich. Hier beginnt die eigentliche Geschichte. Hosseini erzählt sie als Reigen einer Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg, spinnt Fäden, die die Geschichten miteinander verweben.
Dies tut er auf sehr poetische Weise, setzt das menschliche Empfinden in den Vordergrund. Familienbande, das eigene Schicksal und politische Hintergründe – Hosseini malt ein unterhaltsames Bild in der Kulisse Afghanistans.
Nach meiner Meinung ein Buch in grandioser Erzählkunst.
Hosseini – ein ‚Geschichtenerzähler‘ im besten Sinn.

Frau V. Aug. 2015

Khaled Hosseini, Traumsommer
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2013
ISBN-Nr. 978-3-10-032910-3
kreativbuero-berlin packt am 09.05.15 in den Koffer:

1. Über Dieter Moors  Geschichten aus der arschlochfreien Zone
„Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.“ (Rowohlt, 9783499624759)

Wir lesen wie sich ein Schweizer in Brandenburg integriert.
Am Anfang reagiert er mit Staunen und Verwunderung auf die neue
Situation, allmählich gelingt, eingebettet in viele amüsante Anekdoten die Eingliederung. Am Ende hat der Leser zusammen mit dem  Neubrandenburger ein bisschen sein Herz verloren:
an den Ort und an den Menschenschlag.
kreativbuero-berlin legt nun dieses mit großem Vergnügen gelesene Buch aus der Hand, reflektiert die eigenen Erfahrungen und stellt fest: Nicht jeder Eingliederungsversuch in Brandenburg endet so versöhnlich und so können wir uns nachfolgenden Kommentar nicht verkneifen:
‚Was Ihnen gehört, gehört Ihnen noch lange nicht!`
Geschichten aus einer fremden Galaxie
zaza und frau V.

Umziehen ist kein Problem.
Studenten pilgern zwischen Berlin, Marburg und Amsterdam.
Der Bundeswehrsoldat ist unter der Woche in Berlin, am Wochenende zieht es ihn zu Frau und Kind nach Kiel. Für den Manager kein Thema: wenn der Job es verlangt, sucht er sich ein kleines Appartement in Barcelona und frischt seine Spanischkenntnisse auf. Die Welt ist kleiner geworden, heißt es so schön. Da denkt sich der Berliner:
„Ein Umzug nach Brandenburg? Kein Problem!“
Na schön, man hat schon dies und das über die Brandenburger gehört. Ein eigenes Völkchen soll das sein, ein bisschen stur vielleicht. Aber das sind die Norddeutschen auch. Und von Herrn Moor wissen wir, nach einer kleinen schwierigen Eingewöhnungsphase wird es richtig nett mit den lieben Nachbarn. Am Ende gibt es sogar frische Milch für den anspruchsvollen Städter.
Wir haben jedoch auch den einen oder anderen warnenden Satz im Ohr: „Hab gehört, der Müller ist wieder zurück nach Berlin! Hat sich doch nicht so wohl gefühlt in Brandenburg.“
Einzelfälle, denken wir, und packen unsere Koffer (samt Bücher).
Wir haben uns verliebt.
Wir haben uns in ein Haus verliebt. Na ja, nicht nur eben in ein normales Haus mit normalem Garten und normalem Zaun drumherum. Nein, dieses Haus ist ein ehemaliger Bahnhof, der normale Garten wächst sich hier in eine 3,5 Hektar große Freifläche aus und der Zaun? Den muss man sich denken.
Lieber Herr Moor: Wir haben den großen Vorteil, dass unser Haus sogar am Rand einer kleinen Stadt liegt. Zwei Supermärkte, zwei Bäcker, ein Fleischer, eine Apotheke und sogar einer kleiner Baumarkt säumen die Straße. Frischmilchknappheit wird es hier nie geben, lieber Herr Moor.
Von den  Schwierigkeiten in der ersten Zeit mit den Behörden wollen wir an dieser Stelle nicht sprechen. Bürokratie gibt es überall, mal mehr, mal weniger stringent. Wenden wir uns also jenen Mitmenschen zu, die jetzt unsere Nachbarn sind. Von Ihnen, Herr Moor, haben wir gelernt, dass es etwas Zeit braucht. Dann aber taut der Brandenburger auf, kommt herüber, spricht sogar mit dem Zugezogen. Die anfänglich skeptisch betrachteten Eigenheiten werden sich nach und nach als sympathische Marotten entpuppen, die wir  mit der Zeit schätzen lernen werden und vielleicht, irgendwann, nicht mehr missen möchten.
Um einen ersten Schritt zu wagen, stürmen wir den einen der zwei Blumenläden des Städtchens und stellen uns bei allen Nachbarn mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht und einem Blumenstrauß in der Hand vor. Wir blicken in mißtrauische Mienen.
Als Weihnachten naht, schreiben wir Karten.
Beste Wünsche zum neuen Jahr, handgeschrieben, auf die altmodische Art, ab in die Briefkästen der Nachbarn. Wir selbst bekommen keine Grußkarte. Verstehen wir, in der Weihnachtszeit ist ja jeder im Stress. Und wozu ein Dankeschön, wir wissen ja, dass die Karten angekommen sind,  da wir sie ja selbst in die Schlitze geworfen haben.
Also genießen wir unser neues Zuhause. Stolz stehen wir vor dem prachtvollen Backsteinbau mit seinen Giebeln, voller Energie verpassen wir dem Inneren des Hauses ein modernes Ambiente. Die Liebe hält.
Wir begeistern uns nicht nur für dieses schöne Gebäude. Auch für die alte, kopfsteinbepflasterte Allee, die ehemalige Bahnhofsstraße, die jetzt über unser Grundstück führt, bis hin zu unserer Haustür.
Auf dem Randstreifen unserers Areals parken die Anwohner. Schon seit Jahrhunderten, schon länger als es Autos gibt. Also stehen sie auch weiterhin dort. „Lassen wir sie parken“, beschließen wir.
Auch der kleine Trampelpfad hin zur Tankstelle, der mitten über unser Grundstück direkt an unserem Wohnhaus vorbei führt, wird  genutzt wie eh und je. ‚Betreten auf eigene Gefahr‘, hängen wir daneben und beobachten täglich, wie der ausgetretene Pfad noch tiefer gelegt wird. Der Weg ist einfach viel kürzer als der Umweg um unser Grundstück herum. Mindestens fünf Minuten.
Jeder weiß: Zeit ist Geld, und außerdem war es ja immer schon so!
Das auf den Querungen unseres Grunddtücks der Abfall der Einkäufe sorglos entsorgt wird – leere Alkoholflaschen zerschmettern inklusive – okay. Wir atmen tief durch, beräumen regelmäßig Scherben und Müll.
Drei Jahre Brandenburg.
Drei Jahre Weihnachtskarten, drei Jahre ohne Resonanz.
Doch es gibt auch Fortschritte: Wir glauben, die Verkäuferin beim Bäcker erkennt uns mittlerweile und auch im Baumarkt erwidert man unseren freundlichen Gruß bereits mit einem Kopfnicken, schließlich sind wir Kunden.
Jetzt, im vierten Jahr, verwirklichen wir unsere KREATIVERIE.
Wir haben ja noch das Stellwerk, das sich prima zu einer kleinen Galerie ausbauen lässt. Und weil da mit Besuchern zu rechnen ist, denken wir, diese könnten dann auf unseren Parkplätzen parken. Wir schreiben unseren Nachbarn, bitten freundlich um Verständnis, dass wir die Parkplätze jetzt selber brauchen. Wurden wir bis dato mit knappem ‚Hallo‘ oder stummem Kopfnicken gegrüßt:
Jetzt gehören diese stürmischen Gruß-Rituale der Vergangenheit an. Wüssten wir es nicht besser, wir würden glauben uns über Nacht in der Brandenburger Luft aufgelöst zu haben. Dennoch hegen wir die Vermutung: an unserem Schreiben kann dies nicht liegen. Das scheint niemand gelesen zu haben, rund um die Uhr beparken Autos weiterhin den zu unserem Grundstück gehörenden Randstreifen.
Wir erinnern uns an Ihr Buch, Herr Moor, und vermissen die knurrigen, aber doch netten Kauze mit  den hilfreichen Ratschlägen und der helfenden Hand. Ach was, gar nicht nötig, ein minimales Verständnis und eine realistische Einschätzung der Situation wäre ausreichend.
Die Lösung heißt: Schilder aufstellen. Wir sind keine Freunde von Verbotsschildern, wo es eigentlich auch ohne gehen müsste. Doch eines Morgens, im vierten Jahr unseres Brandenburger Daseins, greifen wir zu Hammer und Nagel und da hängen sie, die schlimmen Worte, verteilt auf zehn Bäume: ‚Privatparkplatz‘.
Im Überschwang seiner Wut vergisst ein Nachbar, das es uns eigentlich gar nicht gibt. Hochroten Kopfes schreit er los, was wir uns einbilden, wir, die „elenden Neureichen aus Berlin“, die denken, sie können machen was sie wollen … Okay, wir geben zu: Genau dieses haben wir gedacht, da es doch unser Grundstück ist (so steht es jedenfalls im Grundbuch, wir haben es daraufhin noch einmal überprüft).
Nun, Herr Moor, sie denken, wir sollen uns nicht so anstellen, so ein Nachbar kann einem überall ‚passieren‘, auch in Kiel, Amsterdam oder Barcelona? Ja, stimmt.
Ist es dort jedoch auch normal, dass in der Schwärze der Nacht mehrere 8-Meter-hohe Stahlmasten aus ihren Fundamenten gerissen werden und vom privaten Grundstück verschwinden? Normal, dass diese sich dann beim Nachbarn wiederfinden dem völlig unerklärlich ist, wie die Teile dort hingekommen sein könnten?
Und anderes passiert: Möglicherweise sind Ihnen in Schottland übliche Sitten geläufig? Dann sind Ihnen solch merkwürdige Rituale wie Baumstamm- oder Gummistiefel-Weitwurf ein Begriff. Nein, in Brandenburg gibt es so etwas natürlich nicht! Hier greift man zu weicheren Objekten: Fein säuberlich werden die Hinterlassenschaften der in der Region zahlreich vertretenen Vierbeiner eingesammelt, liebevoll in die allseits bekannten Plastiktütchen verfrachtet, um diese, am oberen Rand mit einem Knoten versehen  –  jetzt kommt der Clou des Ganzen –
mit Schwung gezielt in das Gelände zu werfen. Ein Hinweis am Rande:
Natürlich handelt es sich dabei um unseren Grund und Boden, der nach kürzester Zeit an einen mit (Plastiktüten-)Speck gespickten Braten erinnert. Uns bis dato nicht geläufig: Der konzentrierte Hundekottüten-Weitwurf-Wettbewerb auf ein ausgesuchtes Nachbargrundstück.
Ein Insider Unterhaltungs-Tip für Brandenburg-Touristen,
der in keinem Reiseführer fehlen sollte.
Entstehende Inseln aus Gartenmüll auf unserem Gelände gilt es zu bekämpfen. Hier hat jeder Anwohner einen Garten, jedoch anscheinend keinen Platz für seinen eigenen Müll. Wie auch klar zu machen war,
dass es sich bei unserem Land keineswegs um einen öffentlichen Schrottplatz handelt. Auch die Stadt nutzt unser Grundstück eifrig: Zuerst standen auf unserer Allee nur drei Glascontainer. Es war unser Fehler dies zu erlauben, wußten wir doch nicht, dass die Teile sich vermehren. Im Herbst kam ein Container in Überseegröße zur Entsorgung des Laubes der Anwohner dazu, zwei Wochen später standen dann wg. Strassenbauarbeiten sechs Stahlmulden auf unserer Allee – Romantik sieht anders aus. Übrigens – vorher gefragt hatte uns niemand. Privateigentum? In „unserem“ Brandenburg anscheinend nicht normal.
Vor Ostern der neuste Hit: Bei ca. 20(!) unserer Eichen hat man die
erreichbaren Äste abgeschnitten und anbei unser Schild ´Privatgrundstück` mit Stumpf und Stiel entsorgt. Holzdiebstahl im großen, Brandenburger Stil. Mag man uns Naivität unterstellen, doch wir hatten uns Nachbarschaft anders vorgestellt.
Ab und zu erinnern wir uns an die reumütig in den Schoß Berlins Zurückkehrenden, doch dann fällt unser Blick auf unser Schätzchen und wir fühlen wieder das was uns hergeführt hat: Liebe.
Und so bleiben wir, freuen uns über Kleinigkeiten.
Wie zum Beispiel die Nachbarin, die zögernd und schüchtern ein paar Schritte auf uns zukam:
„Ich wollte mich schon lange bei Ihnen für die Weihnachtskarten bedanken. Habe ich aber irgendwie nie auf die Reihe gekriegt.“
Wie gesagt, wir freuen uns auch über Kleinigkeiten, aber den von Ihnen beschriebenen Glückszustand, lieber Herr Moor, den haben wir noch nicht erreicht. Hoffen wir das Beste!

zaza und Frau V.

 

2. Der  FUTURZWEI  ZUKUNFTSALMANACH 2013/2015

besprochen von Dr. Stefan Pieperling, oszillierendes Mitglied des kreativbuero-berlin und Protagonist in den schrillern Thrillern ´Bürokraten Sterben` und ´Kiffer Sterben`.

Ein Buchtipp  für die einsame Insel?

Die folgende Buchvorstellung ist nicht unbedingt die geeignete Lektüre für die absolute Einsamkeit, aber super für zwischendurch im Alltag.

Die nachhaltige und friedliche Organisation unserer Gesellschaften wird die zentrale Herausforderung in der Zukunft sein. Unser Handeln heute bestimmt die Zukunft. Das gilt für jeden Einzelnen.
Die gemeinnützige Stiftung FUTURZWEI brachte 2013 den ersten Zukunftsalmanach heraus.
Untertitel: Geschichten vom guten Umgang mit der Welt.
Inzwischen ist auch der Zukunftsalmanach 2015/2016 erschienen.
In beiden Ausgaben finden sich eine Vielzahl  von Geschichten über Projekte und Aktivitäten, in denen Menschen Dinge einfach anders machen und angehen.
In den kurzen Artikeln (jeweils nur ca. 3-4 Seiten lang) vermitteln verschiedene Autoren eine Vielzahl toller Ideen und Ansätze, alle mit Kontaktadressen für weitere Infos.
Ergänzt um jeweils ein Schwerpunktthema:
Mobilität (2013), Material (2015/16).

Für den interessierten Leser bietet der Almanach zahlreiche Anregungen wie es auch anders gehen könnte auf unserem Planeten.
Sollten Sie die einsame Insel in intakter Natur gebucht haben, lassen Sie dieses Buch zuhause.
Ansonsten ist der Almanach eine ideale, kurzweilige Lektüre für zwischendurch, in der Bahn, auf dem WC oder wo man sonst so mit Warten beschäftigt ist.

Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013
Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt
Harald Welzer
Stephan Rammler (Hg)
ISBN  978-3-596-19420-9
kreativbuero-berlin packt für Sie am 25.03.15 in den Koffer:

Heute vier weitere Werke –
von kreativbuero-berlin für Sie erkundet.
Es werden auch wieder Krimis u.a. vorgestellt, heute jedoch
der wirklich ‚harte Stoff‘. Damit meinen wir nicht das Abfeiern von bornierter bürgerlicher Langeweile und sexuellen Exzessen wie in ‚Ausweitung der Kampfzone‘ und ‚Elemetarteilchen‘ des allseits gelobten Herrn Houellebecq. Nein, wir reden bei „hartem Stoff“ von Schrift- oder Bildwerk, das wirklich an die Nieren geht, neben dem Mainstream und im besten Sinne aufrüttelnd.

1. Beginnen wir mit dem Heftigsten, was wir seit langem in Händen hielten: WAR PORN von Christoph Bangert
ISBN 978-3-86828-497-3   Mai 2014
In schlichtem, grauem Pappkarton gebunden, ohne Rückeinband wirkt das kleinformatige Buch völlig harmlos – was für eine perfide Bombe! Die Seiten müssen geöffnet werden, sind mit einer Außenperforierung verschlossen, die aufgerissen werden muss. Nach wenigen Seiten waren wir nicht mehr sicher, ob wir fortfahren sollten. Zu sehen sind die Bilder, die Fotograf Bangert in Kriegsgebieten von Verstümmelten und Toten aufgenommen hat und die ihm bzw. den beauftragenden Redaktionen für die Öffentlichkeit zu heftig erschienen. Hier sind sie:
WAR PORN – Krieg ohne heroische Maske, Opfer nackt.
Der wenige Text in englischer Sprache, Bilder dröhnen unkommentiert. Verletzte Soldaten und Zivilisten, Gefangene und ein Saddam mit dem Galgenstrick um den Hals – klare Ansagen, was Krieg bedeutet.
In einem Interview nennt der Künstler den Sinn seiner Arbeit:
„Den Horror des Krieges verstehen“. Wir glauben nicht, dass dies über ein Buch möglich ist, doch eine Ahnung  des Schreckens sticht Herr Bangert mit seinen Bildern sicherlich in unser friedliches Leben.
Das ist nach unserer Meinung nötig in einer Zeit, in der Deutschland wieder (!) „mehr Verantwortung in der Welt“ mittels seiner Soldaten er- tragen soll. Hier werden die Ergebnisse solcher Ideen porno-drastisch ohne Schuldzuweisungen gezeigt – so sehen die grausamen Fakten aus.
Ein Highlight ist der Epilog, in dem der Fotograf bildhaft eine Brücke zu den Tätern schlägt, er dokumentiert mit historischen Aufnahmen und knappen Worten die Haltung seines faschistischen Großvaters im zweiten Weltkrieg – dem war sein Pferd wichtiger als die Menschen.
WAR PORN von Christoph Bangert –
Kein Buch für einen amüsanten Abend, aber sehr gut gemacht –
vorbeischleichen unmöglich. kreativbuero-berlin bedankt sich.

 

2. Es ist ausgesprochen misslich, bei den zu besprechenden Comics keine Bilder zeigen zu können, die Strips leben von Bildmaterial.
Abbildungen würden jedoch erheblichen rechtlich-bürokratischen Aufwand im Kontakt mit den Verlagen bedeuten –
entschuldigen Sie bitte, das schaffen wir zeitlich nicht.
Wir liefern auch keine Leseproben, schreiben hier trotzdem über Bücher, versuchen so einen Eindruck zu vermitteln.
Also schreiben wir jetzt auch über Comics und hoffen – in Bildern.

Waren wir heute in der harten Abteilung?
Die modernen amerikanischen Stift- und Animationskünstler im Moment vernachlässigend, möchten wir Ihnen einen steinalten Verrückten der U-Comics-Generation (wieder) ans Hirn legen:
Robert  Crumb – 1943 in Philadelphia (USA) geboren –
der zeichnet immer noch! Er schuf „Fritz the Cat“, gestaltete schon damals neben Bühnenbildern das Front-Cover für Janis Joplins LP „Cheap Thrills“, und er arbeitete weiter – so wurde Mr. Crumb noch 2010 mit dem Harvey Kutzman Award für sein „The Book of Genesis“ ausgezeichnet. Crumb war und ist umstritten – Pornographie, Rassimus und  Frauenfeindlichkeit lauten die Vorwürfe – also ganz bestimmt keine Gute-Nacht-Geschichten für die Kleinen. Andere bewundern seine überbordende Fantasie, Direktheit und seinen Witz. Zeichnerisch immer lebendig, bleibt bei ihm die Schablone in der Schublade, schwungvoll geht es durch die Episoden. Keine Animationstechnik –
hier fließt es direkt vom Hirn in den Stift. In diesem Zusammenhang:
Seine langjährige Weggefährtin und Frau Aline Kominsky-Crumb ist ebenfalls eine Ikone der Zeichnungen aus dem amerikanischen Underground. In anderem Stil, jedoch als Abwechslung zur ständigen Werbeästhetik des Mainstreams sind beide Stiftkünstler auf jeden Fall erlesens- und erlebenswert!
Robert Crumbs GENESIS, Carlsen 2009, ISBN 978-3-551-78637-1
(Im Moment ausverkauft, doch sicher im Comix-Antiquariat zu finden, A.d.R.)


3.
Nagelneu, in diesem Jahr erschienen, in der Thematik hochaktuell:
Reinhard Kleist Der Traum von Olympia
Carlsen Graphic Novel ISBN 978-3-551-736939-0
Wie der Untertitel besagt, ist es die Geschichte von Samia Yusuf Omar.
Eine Sportlerin wie tausende andere auf der Welt?
Nicht ganz, denn Samia kam aus Somalia. Sie lebte in einer Welt, vor der das Auswärtige Amt Deutschlands noch 2014 dringend warnte:
Besucher Somalias müssen sich „der Gefährdung durch Kampfhandlungen, Piraterie sowie terroristisch oder kriminell motivierter Gewalttaten bewusst sein“.
Samia wird auserkoren – als Läuferin vertritt sie ´ihr` Land bei den Olympischen Spielen in Peking 2008. Obwohl sie nur Letzte wird, hat sie Blut geleckt, will 2012 in London unbedingt dabei sein. Sie trainiert hart, sie trainiert härter. Die islamisch fundamentalistischen Al-Shabaab-Milizen, die in den Straßen ihrer Heimatstadt Mogadischu das große Wort führen, sowie die zerstörte Infrastruktur des Landes verhindern jedoch ein effektives Training, und auch ihr Versuch, sich im Nachbarland Äthopien auf die Spiele vorzubereiten, misslingt. Samia sieht nur noch eine Möglichkeit – den illegalen Weg nach Europa. Der Leser durchleidet ihre Reise durch Afrika mit ihr – und hier müssen wir auf den Zeichenstil der begleitenden Bilder eingehen, denn besser geht es nicht.
Schwarz / weiß, auf den ersten Blick grob, erschließt sich Seite um Seite eine Feinheit in Strich und Fläche, die teilweise an „Corto Maltese“ von Meister Hugo Pratt erinnert und der Thematik eindrucksvoll ein passendes Gesicht gibt. Hier präsentiert sich Stiftkunst:
Einerseits plakativ grob – und damit der Fantasie des Lesers Raum lassend – und andererseits bedrückend genau. Wenige feine Linien zeigen in den Gesichtern der Protagonisten in aller Klarheit Freude oder abgrundtiefe Gemütszustände – und damit das Können des Zeichners. Unspektakulär, fast intim saugen die Schattenbilder den Betrachter auf ca. 140 Seiten in Samias Leben, lassen die Erniedrigungen, Qualen und Hilflosigkeit der Afrikaner erahnen, die es wagen, sich auf die Reise zu machen, um eine Existenz in Europa zu suchen.
In eingeschobenen facebook- Mitteilungen an ihre Freunde erfährt der Leser, dass es sich bei der Protagonistin um eine ganz ’normale‘ junge Frau handelt wie tausende Andere, die jedoch das Glück haben, in(!)
der Festung Europa zu leben. Samia denkt und fühlt wie sie, kommt aber aus Afrika und muss für das ´normale Leben` ihre Gesundheit riskieren. Wenn auch unter größten Anstrengungen – bis zum Mittelmeer gelingt es der jungen Läuferin, an ihrem Plan festzuhalten.
Ihre Idee, an der Olympiade in London teilnehmen zu wollen, treibt die ehrgeizige Samia voran – bis in den Tod.
Dies ist kein dramaturgischer Höhepunkt der Geschichte, den der Autor dramatisch gesetzt hat, sondern das erschreckende Ende einer wahren Begebenheit – Samia Yusuf Omar hat es wirklich gegeben.
Ein einfühlsames Nachwort von Elias Bierdel, dem ehemaligen Vorsitzenden von Cap Anamur / Deutsche Notärzte, rundet dieses Comix-Erlebnis ab. Unser Dank gilt Reinhard Kleist, ohne den wir nie erfahren hätten, dass es eine Läuferin Samia Yusuf Omar gegeben hat.

 

4. Schon älter (1976), jedoch erschreckend aktuell:
´MÄRZ` von Heinar Kipphardt  ISBN 978-3-449-15877-3
Die Verelendung des Künstlers Alexander März in einer westdeutschen Psychatrie kulminiert in den Fragen: Wer guckt rein, wer raus aus der Gummizelle? Wie definiert sich Normalität – und wer bestimmt das? Sehr einfühlsam und emphatisch wird dem Leser die rohe Gewalt aufgezeigt, mit der unsere Gesellschaft sensible Mitmenschen planiert, zerbricht. Ungewöhnlich – ein Jahr vor der Buchlegung strahlte das ZDF den Film „Leben des schizophrenen Dichters Alexander M.“ aus –
Kipphardt schrieb erst für den Film, dann für das Buch. Sollten Sie die Möglichkeit haben, den Film mit Ernst Jacobi in der Hauptrolle und unter der Regie von Vojtech Jasný zu sehen, lassen Sie sich das nicht entgehen. Erschreckend an Film und Buch sowie dem zugehörigen Theaterstück „März – ein Künstlerleben“ ist die realistische Grundlage des Stoffes: Patientengeschichten und die Gedichte des Schizophrenen Ernst Herbeck bilden die Basis – auch ohne psychologische Ausbildung ist die Authentizität des Geschriebenen für den Leser ständig zu spüren. Nach dem, was kreativbuero-berlin aus der Pflegeszene mitbekommt, scheint sich seit der Entstehungszeit des Buches nicht viel zum Besseren gewendet zu haben – eine grausige Vorstellung. Sehen Sie das Leben durch völlig andere Augen – „März“ gibt Ihnen die Möglichkeit. Ein kreativbuero-berliner liebt dieses Buch, empfiehlt es dolle!

Sollten Ihnen unsere Buchbesprechungen gefallen –
reichen Sie unsere Seite bitte weiter – es kommt mehr.

Zur Entspannung nach dieser harten Lektüre –
demnächst werden wir wieder sanfter –
bieten wir Ihnen unseren `schrillen Thriller` BÜROKRATEN STERBEN
Verglichen mit „März“ von Herrn Kipphardt
eine harmlos-amüsante Fiktion.
Hier gefahrlos und signiert für 15.- € inklusive MWSt. zu bestellen.
Der Versand erfolgt kostenlos.

BÜROKRATEN STERBEN anlesen Kommentar Kontakt
Zum Seitenanfang Zum Sortiment

 

 

kreativbuero-berlin packt am 10.03.15 in den Koffer:

1. Wenn man Krimis mag, die gut recherchiert daherkommen, die Strukturen in unserem Land mit kritischem Blick untersuchen und dabei noch spannend geschrieben sind, stößt man automatisch auf  den Autor Wolfgang Schorlau.
Daher finden sich in unserem Koffer gleich zwei Schorlaus, der als Ermittler den nicht mehr ganz jungen ehemaligen Privatdetektiv Georg Dengler aus Stuttgart ins Rennen schickt: Was hat der Absturz der Lauda Air über Thailand mit dem Attentat auf Carsten Rohwedder, Präsident der Treuhand, zu tun? Dengler ermittelt hier in seinem ersten Fall, ein nicht vergessenes Stück Zeitgeschichte rollt sich vor dem Leser auf …
Wolfgang Schorlau, ‚Die blaue Liste‘, Kiepenheuer & Witsch,
ISBN  3462034790

2. Legt man Denglers 6ten Fall  aus der Hand, ist man zwar um gute Unterhaltung reicher, aber auch wütend. Welche Rolle die Pharmaindustrie in Deutschland spielt – hätte man es nicht schon immer geahnt, jetzt ist endgültig klar: Der Patient ist der Ball, den sich Pharmaindustrie und einige Ärzte zuspielen, Kolateralschäden werden wie immer hingenommen, zugunsten des schnöden Mammons.
Schorlau verwendet einen klaren Stil, schnörkellos, dem Inhalt seiner Bücher angemessen – informativ und spannungsgeladen.
Wolfgang Schorlau, ‚Die letzte Flucht‘, Kiepenheuer & Witsch,
ISBN 3462042793

3. Es glänzt unser drittes, vorgeschlagenes Buch – im übrigen nicht weniger gesellschaftskritisch – mit einem atmosphärischen Schreibstil,
der Seinesgleichen sucht. Die poetische Schreibweise von Tana French malt in ´Sterbenskalt` das Bild des Arbeitermilieus im Dublin der 70er, 80er Jahre. Frank Mackey plant als junger Mann die Flucht mit seiner Rosie, raus aus der tristen, von Armut gekennzeichneten Stadt.
Doch Rosie kommt nicht, verschwindet spurlos.
Als – Jahre später – Rosis Reisegepäck gefunden wird kehrt Frank zurück, taucht wieder ein in die Welt seiner Kindheit, nimmt den Leser mit wenn er Verwandte und Bekannte aus seinem früheren Milieu – allesamt gebrochene Menschen – aufsucht.
Einigen mag der Protagonist Frank Mackey zu zynisch erscheinen,
doch gerade aus seinem Sarkasmus entstehen jene humorvollen Dialoge, die den Roman so liebenswert machen. Selten ist es einer Frau so gut gelungen, maskulinen Gefühlen auch eine männliche Sprache zu geben – Tana French meistert diesen Spagat sehr unterhaltsam, wobei weibliche Protagonisten nicht zu kurz kommen und lebhaft unerwartete Dominanz zeigen.
´Sterbenskalt` ist das Gegenteil von dem, was der Titel besagt –
eine emotionale Reise für den Leser, Poesie inmitten trostloser Kulisse.
Und – sehr wichtig – spannend bis zum Schluss!
Tana French, ‚Sterbenskalt‘, ISBN 3502102163

 

Ab in den Koffer!
Bald mehr …
Wir hoffen, Sie nehmen den ´schrillen Thriller`
BÜROKRATEN STERBEN vom kreativbuero-berlin
auch auf Ihre Lese-Reise mit!
Ohne ISBN, doch hier gefahrlos für 15.- € inklusive MWSt. zu bestellen 🙂

 

BÜROKRATEN STERBEN anlesen Kommentar Kontakt
Zum Seitenanfang Zum Sortiment