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DENKEN, SPÜREN UND FÜHLEN SIE, WIE – KIFFER STERBEN

Hier ein Auszug aus dem Hauptgang, unserem zweiten Buch, das 2018 erscheinen soll.
Sollten Sie jedoch mit einem schwachen Magen geschlagen
oder unter 18 Jahre alt sein,
stellen Sie bitte spätestens jetzt weiteres Lesen ein!

 

(2) Lecker

Olaf Werfpamp war schlank, Anfang vierzig und zufrieden.

Zwar hatte er das All-inclusive-Hotel in der Türkei vor fünf Ta-gen verlassen müssen, um in das kalte Berlin zurückzukehren, aber die Heizung funktionierte und der Kühlschrank war wohl-gefüllt. Genießend zog er an seinem Joint. Auf sein geliebtes Haschisch hatte er im Reich des diktatorischen Sultans Erdo-ğan verzichtet. Obwohl er wusste, dass die türkischen Knäste im Moment mit „Staatsfeinden“ besser belegt waren als die Hotels mit Touristen, hätte man für einen deutschen Kiffer sicherlich noch ein Plätzchen frei gehabt – das war ihm zu ge-fährlich erschienen. Und wie sich gezeigt hatte, waren zwei Wochen ohne Dope für Olaf auch kein Problem gewesen, wenn er von Schlafstörungen und Darmträgheit aufgrund sei-ner Abstinenz absah. Für den Schlaf hatte er Tabletten einge-pfiffen, die Verdauung durch tägliches Schwimmen in Gang gebracht – auch ohne Cannabis war alles gut gewesen.

Und voll unerwartetem Entwicklungspotenzial!

Als er jetzt die Urlaubsfotos auf seinem Laptop betrachtete, interessierte ihn das schüttelkalte Wetter vor dem Fenster kein bisschen, denn seine Fantasie reiste mit ihm zurück in das sonnengeflutete Side an der türkischen Riviera. Zwar mar-schierte er schon wieder im Takt der deutschen Hauptstadt, doch waren die Erinnerungen durchaus stark genug, ihn über den Urlaubsfotos lächeln zu lassen. Olaf an der Bar, vor dem Pool und – vor allem – mit Regina!

Sie war wie er alleinreisend gewesen und in der letzten Fe-rienwoche waren sie sich nähergekommen. Sehr nah, haut-nah. Reginas ostdeutscher Humor, der in einen beißenden Sarkasmus ausarten konnte, sowie ihre geschliffene Sprache hatten es Olaf alsbald angetan, die grünen Augen waren ihm schnell nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ihre kräftige Fi-gur war nicht unbedingt sein Beuteschema gewesen, doch diese Frau hatte mit einer Ausstrahlung geglänzt, die er über-rascht als unbedingt sexy und anziehend empfunden hatte: ein Entwicklungspotenzial der durchaus kurvenreichen Art!

Sofort hüpften jetzt Olafs Erinnerungen zu ihrer ersten ge-meinsamen Nacht und den übermüdeten aber strahlenden Augen am Morgen danach. Diesem Tänzchen waren die letz-ten Urlaubstage gefolgt: Ein täglicher Paarlauf der Unzertrenn-lichkeit, der unausweichlich in einer Pirouette auf dem Ho-telbett geendet hatte. Oder vor dem Waschbecken, auf dem Zimmerboden – selbst den kleinen Schreibtisch hatten sie tes-ten müssen. Eine gelebte deutsche Wiedervereinigung – sportlich, aber nicht ganz im Sinne des Turnvaters Jahn.

Als Olaf nach einer dieser wundervollen, pheromongedopten Leibesübungen gestöhnt hatte, dass jetzt ein Joint sehr schön wäre, hatte Regina ihn mit fragenden Augen angeblickt. Schnell hatte sich herausgestellt, dass Werfpamps neue Flam-me noch nie Haschisch oder Marihuana geraucht hatte. Neu-gierig hatte sie Olaf nach dem Wozu gefragt und wie er sich nach einem Joint verändern würde. Sein Gesicht in eine Monstergrimasse verwandelnd, hatte Olaf scherzhaft gedroht, sie dann mit Haut und Haar zu fressen. Doch nach der ge-meinsamen Schmunzel-Einlage war es Olaf schwergefallen, seiner „neuen Regina“ ernsthaft zu erklären, wie das Cannabis seinen Gemütszustand verändern würde. Er hatte nach den richtigen Worten gesucht. Regina, um zu helfen, hatte von Partyerlebnissen erzählt, bei denen bekiffte Gäste wie Teen-ager gackernd gelacht hatten – würde er so sein?

Matt lächelnd hatte Olaf geantwortet: „Nein, das passiert nur zu Beginn einer Kiffer-Karriere oder wenn nur ab und an ge-raucht wird. Nein, wenn du regelmäßig konsumierst, verlieren sich diese Heiterkeitswellen. Wenn ich Hasch rauche, wirst du keine Veränderung an mir feststellen. Ich gehe sogar bekifft zur Arbeit, das ist kein Problem. Äußerlich bin ich voll gesell-schaftskompatibel.“
„Und innerlich?“, hatte Regina mit einem Anflug von Sorge ge-

fragt. „Wie lange rauchst du das Zeug schon?“

„Mindestens seit fünfundzwanzig Jahren. Wenn du im Wes-ten Berlins aufwächst, kommst du daran nicht vorbei. War früher in den Schulen die erste Zigarette der Kick, muss es heute ein Joint sein. Für die meisten Kids ist Kiffen ja nur eine Phase in ihrer Pubertät, die hören bald wieder auf – aber es gibt auch andere, die ihr Leben lang dabei bleiben.“

Schüchtern wie ein Erstklässler hatte er den Finger gehoben, gelächelt.

„Tja, was macht es innerlich? Es beruhigt, stärkt meine Kon-zentration und belebt meine Fantasie. Außerdem regt es die Verdauung an und ich kann in der Nacht supergut pennen.“

„Das ist alles?“, hatte Regina erstaunt gefragt.

„Es wirkt auch als Emotions-Verstärker: Farben werden ein bisschen plastischer, fast fühlbar.“ Olaf hatte überlegt.

„Eine komische Sucht. Ist etwas da, muss es weggeraucht wer-den, ist nichts im Haus – auch okay. Bei den Zigaretten schaffe ich das nicht. Bin ich gut drauf, geht es mir nach einem Joint noch besser. Ja, ein wenig euphorisierend könnte man sagen.“

Eine skeptische Falte hatte Reginas Stirn geteilt.

„Und wenn du mies drauf bist?“

„Dann solltest du es sein lassen“, hatte Werfpamp gelacht, „Kiffen ist ja nicht Bedingung! Nein, im Ernst – das kann ich pauschal nicht beantworten, die Wirkung ist sehr individuell. Gestorben ist an Hasch noch niemand. Aber in Verbindung mit Alkohol ist es noch einmal anders – da hat schon so man-cher kräftig die Blumenrabatten gedüngt. Kreislauflabile und Kids sollten die Finger davon lassen; ansonsten ist es wie bei jeder Droge, einfach eine Frage von Menge und Qualität.

Zuviel ist halt immer zu viel!“

Die skeptische Falte auf Reginas Stirn hatte zwischenzeitlich eine tiefe Schlucht gegraben, ohne jede Begeisterung.

„Das macht mich nicht unbedingt gierig auf dein Hasch. Aber als Nichtraucherin bin ich ja eh gefeit!“

Olaf hatte gegrinst: „Wie wäre es mit einem Hasch-Tee? Oder soll ich dir ein paar Marihuana-Bio-Kekse backen?“

„Nein“, hatte sie gelacht und sich auf ihn geworfen, „ein Scherzkeks reicht mir im Moment.“ Sie hatte ihn voll Leiden-schaft geküsst (Haschisch war umgehend unwichtig) – es war im Hotelzimmer wieder überaus sportlich geworden.

Seine Abreise hatte Trennung bedeutet, doch schon am mor-gigen Tag würde Herr Werfpamp wie vereinbart zu seiner Re-gina nach Leipzig fahren. Die Aussicht auf das Wiedersehen ließ Olaf erneut lächeln. Er war kein Abbild des schönen Got-tes Adonis – das war ihm klar – und auch Krösus kannte er nur dem Namen nach, doch für seine neue Liebste schien das kei-ne Rolle zu spielen. Ihre Gespräche und ihr Sex waren toll ge-wesen und auch genüsslich schweigen hatten sie miteinander gekonnt. Wie schon gesagt: Werfpamp war zufrieden.

Er badete weiter in den Urlaubserinnerungen und seinen da-mit verbundenen Träumen über eine glückliche Zukunft. Doch mitten hinein in die kribbeligen Bauchgefühle der frischen Lie-be mischte sein Körper plötzlich eine ihm unerklärliche Atem-not. Keine Kippe qualmte, kein Joint brannte – aber er japste. Überrascht griff Olaf an seine schmerzende Brust.

Was war das? Urplötzlich ging es los: Seine Lungenflügel flat-terten, bebten, krampften. Er lechzte mit aller Kraft nach Sau-erstoff, bis der Überfall in einem heftigen Hustenanfall mün-dete. Sein schlanker Körper wand sich unter der plötzlichen Attacke, er keuchte. Luft pumpend rang er nach Atem, um die-sen umgehend wieder hinauszubellen – der Hundeflüsterer hätte bei diesem Alarm drohend den Finger erhoben.

„Zu viele Zigaretten, zu viel Dope geraucht“, schimpfte Herr Werfpamp lautlos zwischen zwei brachialen Hustenwellen, mit dem sinnenfrohen Olaf in sich. Doch dieser Olaf hörte nicht zu, akuter Sauerstoffmangel beherrschte ihn. Werfpamp schnaufte und röchelte, krächzte wie eine rachitische Adele. Bis seine Lungen sich endlich beruhigten und Atmen wieder möglich wurde, durchlebte er im Schnelldurchlauf die Qualen aus Manns Zauberberg – und die beschriebene Angst. In Olafs Schnaufen mischte sich Verwunderung über die ungewöhnli-che Heftigkeit des eben erlebten Bronchien-Tumultes.

‚So schlimm war es noch nie‘, durchzuckte Werfpamp das schlechte Gewissen, während er sich in die Realität zurückat-mete. Als Kettenraucher und Kiffer gehörte Husten zu seinem Leben wie das Lügen zur Politik, doch eine derart extreme Ex-plosion war ein Novum. Geübt schob er die Erforschung von Ursache und Wirkung der Droge Nikotin zur Seite, verbot den Bildern von teergepflasterten Lungenflügeln den Zutritt zu sei-nem Kopf. Zumal jetzt alles wieder gut war! Der Sauerstoff glitt wieder in seine Lungen, als sei nichts gewesen. Ausatmen ohne Pauken und Trompeten war kein Problem und das Getö-se schien so schnell überstanden wie ein tropisches Gewitter. Olaf öffnete zur raschen Ablenkung die nächste Fotodatei mit gepixelten Sonnenuntergängen über gefegten Sandstränden. Regina auf der Wasserrutsche, Regina mit Schirmchencocktail, Regina … weiter kam er nicht. Erneut schüttelte ihn ein Über-fall auf seine Lungen: Die Hustenattacke presste das Lebens-gas aus ihm hinaus, ließ Olaf um letzte Luft ringen. In seine Atemnot drängte sofort das Bild eines zappelnden Fisches auf dem Trockenen – und die Angst Olafs, als ein solcher zu enden. Er krümmte sich wie eine Leselampe am Flugzeugsitz der nie gebuchten Businessclass (woher weiß ich, wie die Dinger aus-sehen?), während böse Zangen seinen Brustkorb quetschten. Obwohl er auf diese Erfahrung gern verzichtet hätte, wusste er umgehend, wie sich das Opfer eines Mörders in der luft-raubenden Plastiktüte fühlen musste. Er saugte, es kam nichts! Doch da – ein Loch in der Hülle – er sog wieder Odem, lebens-rettenden Atem. Endlich! Als die Verkrampfungen nachließen, Olaf sich, immer noch um Sauerstoff kämpfend, beruhigen konnte, versuchte er eine vorsichtige Situationsanalyse.

‚Kein Schnupfen, kein Kopfschmerz und die Nase frei! Ergo: keine Grippe. Aber, verdammt, was kann das gewesen sein?‘ Er stocherte ohne Erfolg in seinen mangelhaften medizini-schen Kenntnissen. Die Körpertemperatur schien leicht erhöht und sein Hals kratzte, doch das allein beschrieb kein einleuch-tendes Krankheitsbild – denn ansonsten fühlte er sich blen-dend! Auch atmete er jetzt wieder völlig normal. Bis auf einen schmerzhaften Nachhall in der Lunge, der sich jedoch rasch besserte, war wieder alles heile, heile Gänschen. Olaf kam trotzdem, sinnenfroh hin oder her, zu dem Schluss, dass ein Besuch beim Arzt für Kollege Werfpamp unumgänglich wer-den würde. Eigentlich. Doch Regina wartete morgen auf ihn. Uneigentlich würde er diesen Termin mit ihr viel lieber wahr-nehmen. Viel lieber!

Er beschloss, wie die meisten Männer in seinem Alter, seine gesundheitliche Gesamtsituation ‚erst einmal weiter zu beob-achten‘ – Zeitgewinn war das Gebot der Stunde!

Eine weitverbreitete, sehr männliche Strategie, die Bestattern und Friedhofsverwaltungen permanent vorfristige Aufträge garantierte – und weinende oder feiernde Witwen zurückließ.

Olaf weiß das.

Er hat die Kandidaten täglich auf dem Tisch, weiß es als Lei-chenwäscher nur zu gut – er sollte dringend zum Arzt gehen. Jedoch zeigt das letzte Ferienfoto die lachende Regina appe-titanregend auf dem Hotelbett – völlig nackt und zum Anbei-ßen knackig.

Einfach lecker!

Olaf grübelt –
und bröselt Hasch für einen unterstützenden Joint.

 

(35) Schwankungen

 

Zuerst hatte er gelacht.
Sie mit russischen Schimpfworten belegt, sie verflucht.
„Was soll das hier werden?“
Wenn er folterte, floss Blut in Strömen, hier passierte nix!
Niemand nahm ihm seinen roten Lebenssaft, wo die Qual?
Sollte Finsternis ihn schrecken? Ein lascher Witz!
Wollten die anderen Kinder mit ihm Geisterbahn spielen?
„Oh, jetzt habe ich aber eine riesige Angst!“,
rief er ihnen dröhnend durch die Dunkelheit entgegen.
An den Stuhl war er mit simplem Seil gebunden, kein Knebel.
„Ich hab es hier gemütlich, wo ist der Wodka?“,
brüllte er in die Totenstille, „bringt mir eine Flasche, nein, zwei!“

Einzig unangenehm – sein Sitz drehte sich, schwankte leicht.
Sehr langsam, stetig, in eiernden Bewegungen – richtungslos.
Die künstliche Nacht durchritt er, ungleichmäßig schwebend.
„Der Schaukelstuhl ist fürs Bumsen gut, bringt mir `ne Nutte!“
Für ihn in der schwarzen Umgebung nicht kalkulierbar,
wohin die nächste sanfte Kurve des Stuhles ihn tragen würde:
leicht hinauf, nach rechts, abrutschen nach unten links –
eine Achterbahn auf kleinstem Kreis – in Zeitlupe, im Dunkel.

„Wollt ihr mich in den Schlaf schaukeln?“,
höhnte er, lachte.

Nur zwei Stunden später kein höhnisches Lachen mehr.
Er kämpft mit all seiner muskulären Kraft gegen einen Feind
aus seinem eigenen Inneren, aus sich selbst – Übelkeit.
Zwanghaftes Schlucken reizt sein Zwerchfell,
Sodbrennen raspelt die Speiseröhre – nein, kein Lachen mehr.
Veränderungen ohne Plan, nicht kalkulierbare Wendungen,
gewaltloses Rollen kegelt ihn behutsam ohne Unterlass.
Er fühlt Schwindel, Kopfschmerzen, kalten Schweiß,
das kontinuierliche Schaukeln krampft seinen Magen.
Er will widerstehen – seine Sturheit gegen das Unwohlsein -,
kämpft, das leichte Wiegen durch seinen Willen zu besiegen.
Das stetige Winden ohne Pause schlingert weiter, weiter.
Zwanzig Minuten später übergibt er sich das erste Mal,
speit aus, noch keine Kleidung verschmutzend, erleichternd.
Er atmet tief, befreit, versucht Kraft zu sammeln,
doch er verliert seine Energie an die schlitternden
Bewegungen, seine Gedanken schleichen lethargisch.
Über Stunden schaukelt ihn das Pferd, auf dem er sitzt,
das unsichtbare Schiff nimmt driftend Welle um Welle.
Blinde Dunkelheit, kein Laut. Unwägbar, grausam unwägbar,
die Tendenz der nächsten Kurve, nur ungewollt zu fühlen.
Überraschend, nicht auszugleichen, bestimmend.

Kraftlos gähnt er immer wieder, müde die Glieder,
bevor er sich erneut verkrampfend übergeben muss.
Wieder genießt er für einen Moment die Entspannung,
viel zu kurz für seinen gestressten, brennenden Magen.
Ohne Unterlass die schwankende Spirale, endlos.
Stunde um Stunde dreht er in Schwärze seine Runden –
hoch und hinunter, hin und her, vor und zurück.
Schmerzendes Erbrechen, unregelmäßig quetschend,
er würgt unter Krämpfen nur noch klebrige Flüssigkeit.
Seine Kleidung ist ihm inzwischen völlig egal, die stinkenden
Reste seines Mageninhalts sammeln sich schon länger
auf seiner breiten Brust, verätzte Luft erzwingt neues Würgen.
Er rotiert. Langsam, gelassen, stetig.

Der Kreislauf geschwächt. Sein Körper beginnt, ihn zu hassen,
verzweifelt wünscht er dringend, seine Haut zu verlassen.
Raus aus dieser Hülle der Pein, dem marternden Anzug.
Die Verbindung zu seinem rebellierenden Magen mit einem
scharfen Messer abzuschneiden, gebt ihr ihm die Waffe – er wird es tun!
Wie auch den in Migräne schmerzenden Kopf zu verlieren –
es wäre jetzt so schön, so erleichternd.
Er will es nicht mehr ertragen, kann nicht mehr.
Unter seinem Röcheln sucht sich Galle ihren Weg,
ein Flammenwerfer in seinem gereizten Speiserohr.
Behutsame Drehung, Berg, Tal, Aufstieg, Abfall – endlos.
Müdigkeit, kalter Schweiß auf glühend heißem Körper,
quälender Durst, staubtrockener Mund, beißender Gestank.
Ein Reibeisen schmirgelt seine Kehle bei jedem Atemzug,
ein unrhythmischer Rotor dröhnt mit Turbinen in seinem Kopf.

Die Kurbel windet sich unaufhaltsam weiter, gleitend, ruhig –
eigene Achse in wankender Schieflage, unendlich.
Der Bauch, ein Feuertod in Säure; sein platzendes Hirn, allein.
Leise, flehende Worte in die völlig licht- und zeitlose Stille:
„Lasst mich sterben!“ Bettelnd.
Niemand kommt, ihn zu retten vom schwankenden Floß.
„Lasst mich bitte sterben.“ Flehentlich winselnd.
Das Karussell im Schneckentempo stoppt nicht, wankt –
den Krämpfen seines Magens bleibt nur beißende Leere.
Weiches Trudeln, unablässig, beständig bis in die Ewigkeit.
„Lasst mich bitte sterben.“ Sein Flüstern verklingt.

Spät am zweiten Tag, sehr spät,
erfüllt ihm die gnädige Dehydrierung den Wunsch.
Nicht ein Tropfen seines russischen Blutes ist geflossen.

 

(36) Dr. Asmann

 

Der mächtige Häuptling der Stiftung ‚Drogenlos’ trommelte.

Das seltene Pow Wow in den heiligen Zelten Dr. Asmanns,
für alle Mitarbeiter unausweichliche Pflicht,
war natürlich punktgenau in die Mittagspause gesetzt –
nur dann hatte der große Manitu Zeit für seine Krieger.

„Ich hoffe, allen Anwesenden ist klar, um was es geht!“,
hob Herr Dr. Asmann mit sonorer Stimme an.
Sein Schatten hinter ihm, Herr Strötzel, nickte dienstbeflissen.
„Diese laufende Kampagne, meine Damen und Herren,
ist die wichtigste Aufgabe, die wir je hatten.
Sie muss unser Durchbruch werden – die Chance ist da!
Die grüne Seuche, die unsere Jugendlichen abhängig macht,
unsere Gesellschaft destabilisiert,
von grassierender Beschaffungskriminalität ganz zu schweigen,
diese Seuche Marihuana hat in den letzten Monaten ihr wahres,
ihr tödliches Gesicht gezeigt:
zweitausendsiebenhundertdreiundzwanzig Tote!
Die Opfer verführt zu Cannabis, das jüngste zwölf Jahre alt.
Stellen Sie sich das bitte vor – ein Kind!“
Asmann schwieg, von seinen eigenen Worten ergriffen, dann:
„Es hat die Menschen erschüttert und aufgerüttelt,
vielen die Augen über das Gift geöffnet!
Doch jetzt schwindet zunehmend das Interesse –
jetzt müssen wir alles geben, alle Kraft,
wollen wir den grünen Tod besiegen!“

In den Augen der Umstehenden mischte sich Pathos mit
der sehr realen Angst vor noch mehr Überstunden,
vor noch mehr nervenaufreibendem Stress.
Asmann legte leise und eindringlich nach:
„Denken Sie an die Angehörigen!
Denken Sie an die politische Verantwortung, die Sie alle hier“,
ein kurzer Peitschenknall seiner Stimme,
„als Kämpfer in vorderster Front in diesem Krieg tragen.
Und: Denken Sie an Ihre Verantwortung für Deutschland.
Ich fordere Ihren unbedingten Einsatz!
Wir blasen zur finalen Attacke“, er reckte sich,
„kann ich auf Sie ohne Vorbehalte zählen?“
Einhelliges Nicken, unterschiedlich motiviert –
von wild entschlossen bis erschöpft gezwungen –
machte die Runde; erste „Ja“- und „Jawohl“-Rufe fielen.
„Wie heißt unser Commitment?“
Fast flüsterte Dr. Asmann.
„Drogenlos“, tönte die Runde, diszipliniert, entschlossen –
außer Strötzel, der war mal wieder unpassend laut.
„An die Arbeit, ich baue auf Sie!“
Der Häuptling entließ die Kriegerschaft aus seinem Tipi,
murmelnd und hungrig stürmten sie hinaus.

„Strötzel“, Asmann saß entspannt in seinem Chefsessel,
sehr gelassen, „Ergebnisse unserer Feindaufklärung?“
Der militärische Terminus definierte die Spionagetätigkeit
ihrer Sympathisanten in Verbänden und Parteien.
Herr Strötzel, obwohl ständig auf Bestrafung hoffend,
wagte heute nicht, seinen Chef zu provozieren –
zu leise die Stimme, angespannt, wirklich gefährlich.

Strötzel suchte, sich hinter Fakten zu verstecken:
„Die ‚Junge Linke’ und die ‚Grünen’ –
die kommen wieder aus ihren Löchern.
Im Netz beginnen deren Kampagnen für eine Legalisierung
von Hanf leider wieder zu fruchten.“
Dr. Asmann stöhnte hörbar gequält, die Augen geschlossen.
„Die Führungskräfte halten sich mit medienwirksamen
Aktionen bis jetzt noch zurück, doch unsere Leute sagen,
das sei nur eine Frage der Zeit.
Unsere Kontakte im Vorstand der ‚Jusos’ kontrollieren
bei denen die entsprechenden Anträge aus der Mitgliedschaft –
das haben wir im Griff – da wird nichts kommen.
Die wichtigen Spitzen der Mutterpartei SPD halten sich eh von dem Thema fern, die Populisten wollen ja unbedingt mitregieren.“
Ein strenges Hüsteln aus Dr. Asmanns Sessel
erinnerte Herrn Strötzel sofort daran, sich seiner gänzlich
unmaßgeblichen politischen Einschätzung zu enthalten.
Er zuckte wohlig gestraft – fuhr emsig fort:
„Die Lage in der CDU ist unerfreulich problematisch.
Unsere Bataillone in der Partei stehen in Reih und Glied“,
Strötzel mühte sich um eine militärische Sprache,
um das Folgende für seinen Chef erträglicher zu machen,
„doch unser Angriff in Richtung Strafverschärfung stockt.“
Den Einschlag eines wütenden Zischens erwartend,
zog Herr Strötzel schon einmal vorsorglich die Schultern ein –
es kam noch schlimmer: Asmann sagte nichts, seufzte nur.
„Alle Lobbyisten sind Tag und Nacht bei der Arbeit.
Wie Sie angeordnet haben, wurden die Ziel-Boni erhöht.“

Totenstille aus Asmanns Ecke, nicht einmal ein Atemgeräusch.
„Eigentlich sind 72 % der Mitglieder in der CDU für eine
Strafverschärfung bei Cannabis, so sagen unsere Umfragen.“
„Und uneigentlich?“ züngelte es leise vom Doktor.
„Das Kanzleramt zögert“, beeilte sich Strötzel,
„und das aus verschiedenen Gründen:
Der neue Lebensmittelskandal steht denen medial im Weg,
der Aufschrei bei der Außenamtsaffäre rumort in der Partei,
und seit wir die Terrorismuskarte bei den Toten ausgespielt
haben …“ – weiter kam er nicht.
Asmann schoss aus seinem Sessel, war plötzlich mit seinem
behaarten Gesicht und heißen Atem vor Strötzels Nase, schnarrte:
„Erinnern Sie mich nicht daran!“
Die Operation war eine Idee des Chefs gewesen,
jedoch nach dem erfolglosen Versanden der Aktion im
Nachhinein natürlich ein Einfall des ergebenen Herrn Strötzel.
Dr. Asmann hatte beim Erstarken der Todeswelle eine geniale
Verbindung zwischen Marihuana und Terrorismus gesehen,
er aktivierte seine BND-Kontakte. Offizielle Kommentare über
„den Zusammenhang von IS-Terror und Cannabishandel“
sollten das grüne Kraut endgültig diabolisieren.
Sie bereiteten rund um die Uhr eine mediale Kampagne vor,
alles funktionierte reibungslos:
Die Toten waren frisch und die Verwirrung groß.
Ehemalige Staatsschützer und greise Agenten-Rentner,
seit zwanzig Jahren nicht mehr im aktiven Dienst,
geisterten durch Frühstücksfernsehen und Nachrichten.
Als echte Experten der aktuellen Lage völlig unbrauchbar,
doch äußerst nützlich für ihre propagandistische Sache,
schwadronierten die ‚Sachverständigen’ über geopolitische
Zusammenhänge, den Terrorismus im Kiffer-Gewand.
Ein Fest für den Boulevard-Journalismus,
eine Orgie der Spekulationen und wildesten Mutmaßungen,
immer wieder „Tod“, „Terrorismus“ und „Hanf“ in Verbindung
bringend – Dr. Asmann war glücklich gewesen.
Ihre Lobbyisten stachelten Politiker zu haarsträubenden
Spekulationen vor gierigen Kameras an –
erste Stimmen diskutierten über die Einführung der
Todesstrafe für Dealer, CSU-gestützt.
Asmanns Stiftung ‚Drogenlos’ explodierte vor Zuspruch,
ihre Kampagne wurde zu einem phänomenalen Erfolg.
Dr. Asmann, von allen hofiert, schwebte durch Berlin,
parlierte in Interviews, glänzte vor den Linsen,
konnte sein Mantra predigen – es war herrlich für ihn!
Bis die Bombe platzte,
der mediale Supergau sie kalt erwischte:
Ein neuer europäischer Geflügelskandal gigantischer Größe,
mit täglich steigenden Opferzahlen von Erkrankten
und Verstorbenen, wischte in zwei Tagen ihre gesamte,
mühevoll aufgebaute Kampagne vom Tisch.
Tote Kiffer wurden unwichtig,
wenn es Millionen von Fleischfressern an ihren Stiernacken ging,
sie an ihren Mahlzeiten schlicht verreckten.
Damit war für ‚Drogenlos’ die sonnige Zeit vorbei:
Blitzschnell fielen ihre Werte, die Spenden-App auf Diät.

Zugesagte TV-Auftritte und Politikertreffen wurden storniert,
Schwung ging verloren, nahezu Stagnation machte sich breit –
die galt es jetzt zu brechen.
Dr. Asmann saß wieder, äußerlich völlig entspannt.

Er wusste, dass sie stürzend im Abwärtstrend lagen –
seine Rede an die Mitarbeiter eine lupenreine Lüge.

Sie brauchten unbedingt Neues. Neue Tote.

 

BUCH I   KIFFER STERBEN
BUCH II  VOR DEALERN

Erscheinungsdatum: Herbst 2018

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