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Kommen Sie auf den Geschmack – BÜROKRATEN STERBEN

Hier ein „Gruß aus der Küche“ – ein Auszug aus unserer Vorspeise.
Sollten Sie normalerweise nur Schiller und Shakespeare atmen
oder unter 18 Jahre alt sein,
stellen Sie bitte spätestens jetzt weiteres Lesen ein!

 

(34) Puff 1

 

Die Umgebung behagt mir nicht,
da waren mir die saubere Landstraße und das Moor lieber.
Ich schwitze unter der Perücke, doch der falsche Stutzer auf
meiner Oberlippe sitzt wie angenagelt.
Ich sehe aus, als habe meine Mutti bei meiner Geburt die
fette Goldrandbrille auf meiner Nase gleich mit herausgepresst,
komplett gesichtsverwachsen.
Die Schminke, von mir auf Wasserfestigkeit getestet,
die hauchdünnen Softlatexhandschuhe fast unsichtbar,
eine Uhr in Reiseweckergröße am Arm,
die Kleidung perfekt meiner Rolle angepasst – gute Planung.

Ich betrete das Casino des Megabordells an der
Berliner Stadtautobahn und schaukele auf den Wellen
der unterschiedlichen Parfümnoten der hier
über den Strich wechselnden Damen.
Der joviale Dicke ist in der Casino-Bar schnell ausgemacht.
Sein dickes Gelächter, ein akustischer Leuchtturm,
der mir meine Route durch die Gäste dirigiert.
Gut besucht, der Laden.
Ich sollte erwägen, im nächsten Leben einen Puff zu
übernehmen, Beherbergung scheint ein Deal zu sein.
Ich schlittere in den dunklen Trichter der Erinnerungen.
Die Bitternis haut mit ihrer Machete namens Wut ihren Weg
in mir, meine Hand krampft um das Geländer des Bar-Tresens,
lächelnd bestelle ich einen Gin mit Tonic.
Ich drehe dem fetten ‚Frohsinn in zu laut’ in der Kuschelecke
den Rücken zu, die Fledermaus jagt jetzt mit den Ohren.

Von seinen hochgestellten Bekanntschaften,
seinen Freunden, tönt es aus dem runden Leuchtturm
und wen er schon alles bei seiner Arbeit kennengelernt habe.
Ja, mich auch.
Eine Parfümwolke mit dicken Lippen wird zutraulich,
ich lass sie ein bisschen plänkeln.
Durch sie hänge ich, die Fledermaus, an einem schützenden Ast.
Nichts tarnt in einem Bordell besser als Inventar am zahlenden Arm.
Ich finde alles widerlich.
Die Umgebung passt nicht, drückend wie eine zu enge Hose.
‚Reiß dich zusammen, zurück zur Arbeit.’
Meine Hand streichelt die glatte Hülse in meiner
Jacketttasche, das kühlt mein Gefühl beruhigend.
Mein Zielobjekt ergibt sich seinem schallenden Gelächter.
Sein Einstreichen der damaligen Buschzulage für Beamte im
neuen Brandenburg und wie er die ehemaligen Genossen
über die Flure gejagt habe – ich höre einen echten Helden.

Schön, dass der fleischgewordene Parfümshop vor mir
leises Reden mit erotischem Reden verwechselt
und die Begleiter des Dicken auf der Zuhörerbank sitzen müssen,
meine Lauscher haben freie Bahn.
Ich bestelle einen Parkschein für die nächsten fünfzehn Minuten:
den Sekt für die Dame an meiner Seite.
So wie die Salznüsse ein toller Service zum Prickelwasser,
bis auf ein Gemurmel ab und an brauche ich nichts zu sagen.
Sie bewegt ständig unhörbar ihre aufgespritzten roten Lippen,
von außen betrachtet sind wir im intensiven Gespräch.
Seiner Sitzecke und der halben Bar macht der Dicke
inzwischen klar, wie er erst mit Autos die Broiler aus dem Osten,
dann mit Immobilien die Hähnchen aus dem Westen
über den gleichen Löffel barbiert habe.
„Sonst könnt’ ich das hier doch gar nicht bezahlen“,
tönt seine Fanfare, „ihr wisst doch, im Amt immer korrekt!“
Nach diesem Satz macht sich eine merkwürdig schwüle
Dschungelstille in unserer Bar-Ecke breit.
Hat jemand einen schweren Samt über den Raum geworfen,
eine Schweigedecke aus Paragraphen-Angst?
Und warum gucken die umsitzenden Herren mit den dicken
Uhren so betreten, als pinkle gerade jemand auf ihren Koks?
Schon schneidet, mit sich überschlagender Stimme,
Mister ‚mein Haus, mein Boot, mein Schinkenbrot’
das leise Tuch entzwei.
„Die nächste Runde auf mich!“, brüllt er.
Die eifrig geflüsterte Leere meiner Gesprächspartnerin
versinkt wieder im allgemeinen Gemurmel.
Squaw ‚Dicke Lippe’ will jetzt mehr.
Sie geht zum Angriff über und robbt in meinen Arm –
Gefahrenstufe eins für meine gelackte Fassade.
Die riesigen Wülste unter ihrer Nase und die zwei
aufgepolsterten Ballons darunter nähern sich bedrohlich.

Fast kann ich ihr Geflüster verstehen, ich muss etwas tun.

 

(35) August 2008

 

Die U-Bahn spuckte einen Menschenschwall aus,
der sich mit schnellen Schritten dem Treppenaufgang
entgegendrängte. Oben das Postkartenpanorama
mit Blick auf Berlins demoliertes Wahrzeichen. Stolz wachte
der ´Hohle Zahn` über seine Flaniermeile. Die Gegend um
die Gedächtniskirche hatte schon bessere Tage gesehen,
stellte sich aber unbeirrt dem Kampf gegen die Konkurrenz
der neuen Mitte.
Der Kudamm blieb den Berlinern ans Herz gewachsen.
Moni hatte nicht oft Gelegenheit, sich zwischen die
Touristen zu mischen, vorbei an Geschäften mit Auslagen,
die Wünsche wecken sollten und vielen stattdessen die
eigenen finanziellen Grenzen vor Augen führte.
Moni schlenderte die ehemalige Prachtstraße entlang,
Frau genug, um sich an dem einen oder anderen Schuhgeschäft
einen Eindruck über die neuesten Herbstmodelle zu
verschaffen.
Vor dem kleinen Eckcafé wartete Anja bereits.
Es war ausreichend warm, um im Freien bei einem Eis
die Vorübereilenden zu scannen.

Anja hatte wie immer viel zu erzählen, was dem
Bananensplit Gelegenheit bot, langsam vor sich hin zu
schmelzen. Die letzte Reise lag, wie Anja es formulierte,
schon Ewigkeiten zurück. Jürgen wurde langsam unleidlich,
urlaubsreif. Sie liebäugelten mit Singapur.
Es folgte ein längerer Überblick über die letzten
familiären Katastrophen. In Anjas Familie stritt jeder
mit jedem. Anlässe wie Geburtstage oder Hochzeiten waren
eine unerschöpfliche Quelle für Aufregungen.
Bei der Taufe einer Nichte hatten Anja und Jürgen in der
Kirche nicht mitgesungen. Onkel und Tanten prophezeiten
ihnen ewige Verdammnis.

Moni saugte an ihrem Strohhalm, lauschte entspannt Anjas
Erzählungen und genoss die letzten wärmenden Sonnen-
strahlen. Einkaufstüten schlenkerten vorbei. Autos standen
stramm vor Ampeln, Stadtflair und Abgase verströmend.

„Und was tut sich bei euch so?“, wollte Anja wissen, als ihr
Fass mit Neuigkeiten geleert war.
Die Kellnerin brachte das von Anja bestellte Baiser.
„Uns geht es prima“, versicherte Moni und beschrieb erst
begeistert ihre neue Vorgesetzte, dann die feuchtfröhliche
Abschiedsfeier mit ihren alten Kollegen. In einer hippen Bar
in Prenzlauer Berg hatten sie sich zu später Stunde
gegenseitig ewige Verbundenheit geschworen. Seitdem
hatte sich noch keiner der Ehemaligen bei ihr gemeldet.
„Aber mir bleibt im Moment auch wenig Zeit für Kontakte“,
gab Moni gedankenverloren zu.
„Du kannst dir nicht vorstellen, was die Behörden alles
von uns verlangen. Nicht genug mit dem Bauantrag, alleine
der Antrag für die Fördermittel ist so dick wie das Telefon-
buch einer chinesischen Großstadt. Ich brauche Nachhilfe,
um die Fragen überhaupt zu verstehen.“
„Jetzt übertreibst du aber.“
Anja starrte einer schick gekleideten schlanken Siebzigjährigen
hinterher, die mit Figur und Eleganz eines Mannequins auf
Highheels den Boulevard entlangstöckelte. Moni und Anja
schöpften verschwörerische Hoffnung für die eigene Zukunft.
Bedauernd schob Anja den Rest des Baisers von sich.
„Das ist wirklich so“, versicherte Moni ihrer Freundin nach-
drücklich. „Ich habe Leute suchen müssen, die Erfahrung
haben mit solchen Anträgen. Die helfen uns. Die Kosten dafür
waren aber in unserem Etat nicht vorgesehen. Du weißt ja,
alles ist durchgeplant. Extrawürste können wir uns nicht leisten.
Der Architekt hat die erste Zwischenrechnung gestellt, alleine das
sind ein paar Tausender. Zum Glück ist unser Bausparvertrag
kurzfristig fällig und Svens Lebensversicherung wird auch
bald ausgezahlt. Wir haben Angebote von Handwerkern
auf dem Tisch, da vergeht dir Hören und Sehen.
Ich muss wohl noch mal ordentlich nachverhandeln,
damit Sven wieder ruhig schlafen kann.“
Die schicke Lady war verschwunden. Geschäftsleute in
langweiligen Anzügen und phantasielosen Krawatten
dominierten das Bild.
Moni kaute auf ihrem Strohalm. Dann fuhr sie fort:
„Ich würde mich am liebsten sofort in den Blaumann
schmeißen und loslegen. Vorher gibt es aber noch so viel
zu organisieren, mir ist ganz schwummerig. Der Denkmalschutz
spricht auch noch sein Wörtchen mit.
Aber du wirst sehen, der ganze Aufwand wird sich lohnen.“
„Und wie sind eure Nachbarn auf dem Lande?“, fragte Anja.
„Die haben wir noch nicht wirklich kennen gelernt, die wohnen
recht weit entfernt. Ich habe keine Ahnung, ob wir als Berliner
willkommen sind oder ob die uns zum Teufel wünschen.“
Die Anzugtypen wurden langweilig, sie zahlten.
Auf dem Rückweg warf Moni noch einen schnellen Blick auf
die Mode der kommenden Saison.
Im Nachbargeschäft wurden Lampen angeboten.
„Auch gut“, dachte Moni, „die brauchen wir auch.“

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